Auf Legal-Tech-Tour in Moskau Russische Erkundungen - Ein Reisetagebuch

Bereits zum dritten Mal bieten der Anwaltsdienstleister Soldan und Wolters Kluwer eine Reise in die Zukunft der juristischen Berufe an. Die Teilnehmer lernen die neuesten Entwicklungen im Bereich von Legal Tech kennen und erhalten einen Eindruck von den Möglichkeiten, die auf uns zukommen werden. Die erste Reise führte nach Stanford und ins Silicon Valley, die zweite Tour nach Zürich zu IBM Watson.

Dieses Jahr ist Moskau an der Reihe, denn in den dortigen Technologiezentren wird kräftig an der juristischen Zukunft geforscht – oftmals etwas unbeachtet von unserer westlich geprägten Wahrnehmung. Wie die letzten Male ist auch bei dieser mehrtägigen Reise wieder Rechtsanwalt Markus J. Sauerwald dabei, der bei RWS die Verlagsleitung innehat.

Auf dem Programm steht u.a. ein Besuch im „Skolkovo Innovation Center“, dem Silicon Valley Russlands. Zahlreiche interessanter Start-Ups sind hier zu finden, darunter auch Unternehmen der sich dynamisch entwickelnden russischen Legal Tech Szene. Spannend wird ebenfalls der Besuch der Konferenz „Moskau Legal Tech“, bei der Start-Ups, Verlage und Software-Unternehmen ihre Ideen zur Digitalisierung des Rechtsberatungsmarktes präsentieren werden.

Lesen Sie hier im Reisetagebuch seine Eindrücke von der Legal-Tech-Tour nach Moskau.

1. Tag: Wo liegt die Zukunft technischer Lösungen im Recht in Russland?

Dieser Frage will eine Gruppe von Anwälten, Verlegern, Programmierern und Wissenschaftlern auf der nun schon 3. Legal Tech Tout der Firma Soldan nachgehen.

Früher Aufbruch von Düsseldorf nach Moskau mit Aeroflot. Solides Frühstück im Flugzeug, stattliche Fluguniformen und alles erinnert ein wenig an die 1969er. Nachrichten von Schwierigkeiten von Boeing am Düsseldorfer Airport überhören wir, Die Russen fliegen heute mit Airbus nach Moskau.

Der Eintritt in das russische Reich gelingt ohne penible Befragung. Und dann sind wir mittendrin in der Moskauer Wirklichkeit. Berufsverkehr, Stop-and-go über 37 km und ein erster Blick auf diese Megametropole. Die üblichen Verdächtigen der Globalisierung, Bulettenketten, Möbelhausimperien, Computerfirmen leuchten mit ihren vertrauten Logos zwischen in die Jahre gekommener Industriearchitektur auf. Die Einfallstraßen säumt stalinistische Wohnbebauung, doch je näher wir dem Zentrum rücken, umso mehr entfaltet sich die Pracht dieser Stadt. Der Verkehr wird nicht besser, aber schließlich erreichen wir das Hotel Metropol, ein Jugendstiljuwel im Zentrum Moskaus. Es folgen das Einchecken und eine weitere Blechlawinentour durch den Verkehrsinfarkt ins Haus der deutschen Wirtschaft.

Alex Stolarsky, als Anwalt in den Welten zwischen Russland und Deutschland daheim, gibt uns einen schnellen Überblick über Legal Tech in Russland. Er wartet mit einigen genauen Zahlen zum Markt und Investitionen auf. Schnell wird klar, technische Lösungen im Recht gehören zu den Vorzeigeprojekten und machen Hoffnung, dass die Konferenz, zu der wir anreisen, uns vielleicht einige wichtige Erkenntnisse zeigen wird. Wir sitzen im Souterrain dieses Treffpunkts der deutschen Wirtschaft , der wie ein Kreativraum eingerichtet ist und haben Gelegenheit, in dieser schönen Atmosphäre uns gegenseitig bekannt zu machen.

Draußen in der Stadt die übliche Geschäftigkeit zwischen Prachtbauten des 19. Jahrhunderts, dem Fußballstadion des Clubs Dynamo und den Bürobauten der Peripherie. Ziel ist das Kaspersky LAB. Als hätte man die Philosophie des Silicon Valley hierher verpflanzt, präsentiert uns der Leiter des Berliner Büros selbstbewusst das Imperium dieser als Anti-Viren-Schmiede bekannten Unternehmens. Im modernen Großraumbüros sitzen vor allem junge Männer und programmieren oder bekämpfen im War Room die Viren, die an vielen Monitoren an der Decke grafisch angezeigt werden. Ob dies eine Schau-Veranstaltung in einem Muster-OP ist, die uns vorgaukelt im Herz der weltweiten Malwarebekämpfung zu stehen, kann ich nicht beurteilen. Die Codes, die auf dem Bildschirm auftauchen, sehen mir nicht gesund aus und wir nehmen den Unternehmen ab, hier erfolgreich den Kampf Roboter gegen Roboter zu bestehen. Am Ende wird uns sogar das Büro des Firmengründers Jewgenie gezeigt. So viel Transparenz haben wir bei Apple und Google nicht erlebt. Die Wohlfühl-Kantine kredenzt den Gästen Krimsekt und kleine Köstlichkeiten. Und nebenher können wir die Fingerfertigkeit der jungen Programmierer am Tisch-Eishockey erleben. Eindrucksvoll!

Wieder reihen wir uns in den Berufsverkehr ein, verlassen den Bus dann im Verkehrsgewühl, um den Abend im Café Puschkin zu beschließen. Auf drei Etagen dieser ehemaligen Apotheke werden wir nach allen Regeln der russischen Kunst bewirtet. Russische Speisen werden kredenzt, ein Salonorchester spielt zu Ehren einer Geburtstagsgesellschaft, unzähliges Personal sorgt für das Wohl der Gäste.

Wir vergessen für einen Augenblick dass wir die Moderne der digitalen Schadensabwehr gesehen haben – dort wo früher 007 mit Galanterie und Geschick das Böse bekämpfte

Der abendlichen Gang vom Café Puschkin zum Hotel führt uns über den Roten Platz. Auch hier Pracht und Tradition, flanierende Menschen, Straßenmusikanten, das illuminierte Riesenkaufhaus GUM und Menschen, die beglückt aus dem Kino strömen.

Auf die Vorstellung technischer Lösungen in den nächsten Tagen bin ich gespannt.

Der Vorhang öffnet sich.

2. Tag: Dashboards – alles unter Kontrolle

Im April eines jeden Jahres, am Kosmonautentag, erinnern sich die Russen gerne an Yuri Gagarin, der als erster Mensch am 12. April 1961 die Erde umkreiste.

Selbst die traditionellen hölzernen Schachtelpuppen Matrjoschka werden in einer Kosmonautenversion mit Gagarin als größter Puppe und dem Vater des Raketenprogramms Serge Koroljow als kleinster Puppe des Ensembles angeboten.

Ob die russischen Legal Techies einmal diese Ehre erfahren werden, lässt sich heute noch nicht vorhersagen.

Die Konferenz Moscow Legal Tech 2019 verspricht uns am Zauber des Entstehens von Raketentechnologie teilhaben zu lassen. Die Szene trifft sich in einen modern umgebauten Kino in einem quirligen Stadtteil nahe des Zentrums von Moskau. Der Tagungsleiter begrüßt die extra angereisten deutschen Gäste bereits vor dem Gebäude. Im Inneren des Komplexes herrscht die aufgeräumte Stimmung wie vor einem Apple-Event.

Hatten wir gerade noch die Jugendstilhalle des ehrwürdigen Metropolis-Hotels mit harfenbegleiteten Start in den Morgen verlassen, wurde wir vom smarten Konferenzleiter mit einer Licht- und Musikshow auf den Tag eingestimmt.

10- bis 15-minütige Statements mit Slides standen am Beginn. Technisch unterstütztes juristisches Arbeiten und Automatisierungsprogramme verschiedener Art wurden präsentiert. Allen gemein war die Anzeige aller Funktionen auf dem Armaturenbrett der Neuzeit: Dem Dashboard!

Es soll eine Gesamtschau auf juristische Mandate und Aufgabenstellungen geben und seinen Nutzer ermöglichen, über alle Zusammenhänge jederzeit informiert zu sein.
JIFFIT verspricht juristische Aufgabenverwaltung in einem Programm. Eine weitere Anwendung bezieht sich auf die Automatisierung von Geschäftsprozessen in Banken. Alle versprechen, die Komplexität zu verringern, Routinen abzunehmen und dem Anwender Kontrolle und Konzentration auf das Wesentliche zu ermöglichen.

Ist die Reise zum Mond jetzt auch für Juristen vorstellbar? Sind die Bedingungen in Russland überhaupt mit den unsrigen vergleichbar?

Ja, lautet die schnelle Erkenntnis. Zugang zum Recht, Kostendruck, technische Möglichkeiten und Voraussetzungen sind auch in unterschiedlichen Gesellschaften durchaus vergleichbar. So bleibt als wichtiges Fazit, das sich auch in den zahlreichen Pausengesprächen verdichtet: In der Nutzung vorhandener Technologien und Programmen unterscheiden sich die Legal Techniker nicht von ihren deutschen Mitstreitern. Die Fragestellungen sind vergleichbar. Frei nach Marx könnte man sagen: Programmierer aller Länder, vereinigt euch!

Durch den Moskauer Verkehr bewegen wir uns nach einer Rap-Session zum Abschluss zu Fuß. Die Moskva mäandert pittoresk durch die nimmermüde Stadt. Eindrucksvolle Ausblicke wechseln mit Straßenszenen, in denen die vielen unterschiedlichen Völkergruppen aufeinandertreffen: Cafés, Supermärkte, Aussichtsplattformen, Metrostationen, Hinterhöfe.

Das berühmte Warenhaus GUM liegt auf unserem Weg. Am Roten Platz gelegen ist es ein prachtvoller, nun schon über 120 Jahre alter Bau und heute ein Schaufenster, das seit der Öffnung der einstigen Sowjetunion zum Westen Waren aus aller Welt anbietet.

Internationale Marken sind hier in den großartigen Architektur mit überdachten Einkaufspassagen auf drei Stockwerken vertreten, die teuersten Geschäfte im Erdgeschoss, die alte Sowjetunion entdeckt man in der Restauration der 3. Etage. Im Buchladen stoße ich auf einen Band, der die Leistungen der Kosmonauten huldigt.

Und auch wenn Konsumtempel selten symbolisch für Höheres stehen, so ist die Vielfalt auf drei Etagen, mit den Schöpfungen aller Branchen und Regionen doch das passende Schlussbild für diesen Tag. Traditionelles mit dem Wissen und der Technik von heute weiterzuentwickeln, aber im Zentrum den Menschen zu sehen, dessen Inspiration erst das Betreten von Neuland ermöglicht.

Am Abend besuchen wir die Moderne. Nach 2000 ist am Rande Moskaus ein Hochhausquartier entstanden. Im 66. Stockwerk blicken wir aus hydraulisch sich öffnenden Fenstern einer Bar auf die funkelnde Metropole: Imperiales, Stalinistisches, Modernes.

Als wir im Hotel Metropol den Tag in der Bar ausklingen lassen, befinden wir uns ebenfalls mitten im Zentrum eines Treffpunkts, an dem die gegensätzlichsten Menschen beherbergt wurden. Ins Zimmer zurückgekehrt blicke ich auf eine weitere Amaturentafel. Eine Quarzuhr und ein Barometer. So einfach kann es manchmal sein. Zeit ins Bett zu gehen, das Wetter wird schön!

3. Tag: In Skolkovo, dem russischen Silicon Valley

„Wir waren Menschen, und wurden Epochen,
Zur Karawane getriebne Erkunder,
Werden von Kolben und Schwellen gestoßen,
Wie unter Tendergestöhne die Tundra.
Wir flattern auf, um im Sturzflug zu spähen,
Kreisen zusammen wie wirbelnde Krähen.“

Boris Pasternak, aus „Wir wenigen“

Boris Pasternak gehört zu den klügsten Köpfe Russlands

1960 starb er, schwer krank, von den Herrschenden Russlands abgelehnt. Er war noch voller Schreibpläne. Für seine literarischen Leistungen war ihm 1958 der Nobelpreis für Literatur verliehen worden. Er durfte ihn nach Willen der Obrigkeit nicht annehmen, erst 1987 wurde er rehabilitiert.

Dass unweit seines Sterbeort ab 2011 auf Betreiben des russischen Staates ein Forschungszentrum nach dem Vorbild des Silicon Valley entstehen würde, hätte sich der große Dichter nicht träumen lassen. Der Wunsch, dass dieses Innovationszentrum Skolkovo mindestens »2, 3, 4 Nobelpreisträgern« Heimat geben sollte, mutet fast wie eine tatkräftige Wiedergutmachung an.

Am Eingang Skolkovos steht eine Büste des Dichters.

Überhaupt erscheint an diesem Morgen auf den weiten, noch unbebauten Feldern alles sehr erdverbunden. Eine aus Holzscheitern kunstvoll gestaltete Datumsanzeige, ein paar Skulpturen, ein paar angelegte Straßen und einige Gebäude, für die man europäische Architekten von Weltrang gewonnen hat, erfordern noch viel Fantasie, um sich die Verwirklichung der großen Projektionen vorzustellen.

Wir werden am Morgen von Anton Pronin, dem Leiter Legal Tech in Skolkovo begrüßt und dann durch das gewaltige Hauptgebäude, einer langen gestreckten Schuhschachtel mit ausgefeiltem Inhalt, geführt.

Auf einer zentralen Allee des Komplexes sind viele junge Menschen auf Skateboards und Rollern unterwegs. Später wird uns ein funktionsfähiges Flugfahrrad als zukünftiges Verkehrsmittel präsentiert.

Glaskapseln in organischen Formen beherbergen Showrooms und Versammlungsstätten. Im durch Sperren gesicherten Bürotrakt findet man alles, was das Herz der modernen Forscher begehrt. Coworkingspaces, Werkstätten mit gewaltigen 3-D Druckern, im Vergleich zur amerikanischen Übertreibung ist dies wohltuend. Anton Pronin berichtet über den Aufbau von Skolkovo. Dann kommen wir mit Kunden zusammen. Unsere Delegation berichtet über Legal Tech in Deutschland, über die Firma Flightright oder die digitale Kanzlei in der Cloud, wir erfahren von Pavlov.ai, einem auf KI beruhendem Dialogsystem, als Open Source Projekt angelegt.

PRAVOVED ist der größte Marktplatz für Rechtsberatung in Russland, der Rechtsuchende mit Anwälten zusammenbringt. Wir erleben, wie der Zugang zum Recht hier in Russland geschieht.

FASTLAW versteht sich als allumfassender digitaler Assistent, der Dokumente intelligent verknüpft, automatisierte Kommunikation verspricht und alle Fristen im Griff behält.

Abgerundet wird dies mit einem Programm für die digitale Patentanmeldung.

Die Gründer und Schöpfer der Programme bewegen sich in den uns bekannten Sphären. Schnell wird deutlich, dass wir eine Sprache sprechen und Problemstellungen vergleichbar erscheinen.

Wir tauschen uns am Ende der Veranstaltung intensiv aus, tauschen digitale Visitenkarten und unsere Erfahrungen.

Nach der Rückkehr von Zentrum von Moskau zerstreut sich unsere Gruppe: Ballett, Burgerbar oder Konzertabend. Im Moskauer Konservatorium, der Ausbildungsstätte der russischen Musikelite, lauschen wir Rachmaninows Konzert Nr. 2.

Es ist der klassische Schlusspunkt eines Tages, der mit dem Dichter Pasternak begann und mit Musik des großen Komponisten Rachmaninov endet. Die klassischen Künste rahmen die Kunst der Programmierung.

Die Metro, die gewaltige Rohrpost unter den Straßen der Stadt »schießt« uns zurück zum Bolschoi, wo wir wieder an die Oberfläche treten. Die nimmermüde Stadt rauscht, der Tag ist beendet.

„Leiser ward’s. Ich trat hinaus zur Szene,
Langsam wie durchs Rahmenholz die Tür,
Such im fernen Nachhall zu verstehen,
Was in meiner Zeit und mir passiert.“

Boris Pasternak, aus „ Hamlet“

4. Tag: In der Umlaufbahn. Ein Bürotag in Moskau.

Am vierten Tag unseres Aufenthaltes in Moskau scheint die Sonne. Die Stadt zeigt sich von der freundlichsten Seite. Wir verbringen den Tag heute planmäßig im Büro und begeben uns zu den drei Dependancen der Kanzleien Baker McKenzie, Dentons und Allen & Overy

Ist Legal Tech eine Fantasie oder bereits Teil der Gedankenwelt hiesiger Kanzleien? Wir machen den Praxistest.

Zuvor reihen wir uns ein in den morgendlichen Berufsverkehr, der wegen der eigenwilligen Verkehrsführung immer einmal um den Kreml geführt wird. Stop and go, das kennen wir ja schon.

Schließlich erreichen wir die erste Kanzlei. Max Gutbrot von Baker McKenzie hat viel erlebt. Seit fast einem Vierteljahrhundert arbeitet er in Moskau als Rechtsanwalt und hat die Farben des Landes und der Stadt sich verändern sehen. Von den Anfängen nach dem Untergang der Sowjetunion, dem Staatsbankrott 1998, den Auf- und Abschwüngen bis hin zu den Sanktionen nach der Krim-Annexion. »Man geht nicht, wenn es schwierig wird«. Er gibt uns Einblicke in die soziale Struktur, erzählt von der Begleitung junger Gründer; Mentoring umfasse neben rechtlichen auch kulturelle Hilfestellungen. Erfindungsgeist und Intellekt gebe es zu genüge, aber auch Konfliktbereitschaft, Teamarbeit und Freiheit des Denkens seien wichtig.

Nebenan bei Dentons, der größten Lawfirm der Welt, stehen uns zwei Kollegen zur Verfügung. Echter Leidensdruck, technische Lösungen einzusetzen, scheint auch hier das Tagesgeschäft noch nicht zu dominieren. Aber der junge Kollege André Nesmanov hat nicht nur ein eigenes, kleines Programm geschrieben, um interne Informationen zu bündeln, sondern erblickt in vielen digitalen Initiativen des Staates eine willkommene Möglichkeit, an legislativen Prozessen mitzuwirken. Dies geschehe auch auf elektronischem Wege.

Wir haben den Eindruck, dass man hier das Thema Legal Tech auf jeden Fall im Blick hat, zugleich einen pragmatischen Ansatz verfolgt.

Im Foyer beider Gebäude blicken wir auf moderne Kunst, die sicher den formalen Kriterien eines autoritären Staates nicht entsprochen hätte, nun aber wie ein Symbol für eine offene Gesellschaft erscheint.

Mittags kehren wir in einem Hinterhof in ein Restaurant ein, das kunstvoll und sympathisch die russische Küche auf den Teller serviert.

Am Nachmittag besuchen wir Allen & Overy. Wir erleben eine dritte Art, mit den digitalen Zukunftsthemen der Anwaltschaft umzugehen: Mandantenkommunikation auch per WhatsApp. Man wisse von der Community vor den Toren der Stadt.

Es ist vielleicht der ehrlichste Eindruck, denn dort, wo das hergebrachte Geschäft wie gewohnt läuft, kann Neues nur durch bewusste Entscheidungen ins Werk gesetzt werden. Die Kanzlei hat bereits jemanden aus unserem Kreis für diese Herkules-Aufgabe bei A & O gefunden und so dürfen wir uns an diesem Bürotag als Teil der Zukunft fühlen.

Zusammen mit viel Moskowitern beginnen wir den Feierabend und genießen die Abendsonne. Straßenbands, die offenbar keinen Dezibelauflagen unterliegen, sorgen für Stimmung. Die Stadt präsentiert sich von ihrer mondänen Seite, die Auslagen funkeln mit der Sonne um die Wette.

Am Abend gehen wir ins Restaurant »Buro«, lassen die Erlebnisse unseres Bürotags Revue passieren. Wieder muss ich an Yuri Gagarin denken, den jungen, tollkühnen Kosmonauten, der sich als erster Mensch in den Weltraum begab und dessen Pionierleistung anderntags in Moskau gefeiert werden wird. Noch befindet sich dieses Land in der Umlaufbahn der digitalen Zukunft im Bereich Legal Tech, aber den klugen Köpfe hier hat man Raum und Möglichkeiten für die weitere Entwicklung geschaffen.

Als wir gegen Mitternacht durch das Quartier um das Bolshoi gehen, sehen wir ein Pferd vor dem Irish Pub stehen. Marketingtrick des Wirtes oder Ausdruck des Spektrums dieses Landes?

5. Tag: Was ihr wollt… oder Should I stay or should I go… 

Darling you got to let me know
Should I stay or should I go?
If you say that you are mine
I’ll be here ‚til the end of time
So you got to let me know
Should I stay or should I go?

Was ihr wollt, heißt das Motto des letzten Tages. Über die WhatsApp-Gruppe findet sich ein Kreis, der mit unserer Moskauer Fremdenführerin Anna für einen Rundgang durch ihre Heimatstadt bereit ist. Schnee liegt an diesem Morgen in der Luft. Am Himmel weist sie uns auf die Zeugnisse italienischer Baukunst hin, Bauten des 18. und 19. Jahrhunderts tragen französische Handschrift und haben Moskau, nachdem es 1812 niedergebrannt worden war, um Napoleon zum Rückzug zu zwingen, zu einer imposanten Stadt heranwachsen lassen.

Kreml, Roter Platz, das Kaufhaus »GUM« sind einige wenige Höhepunkte des Vormittags.

Einen Blick auf die russische Seele werfen wir in der Erlöser-Kathedrale. Diese war von Stalin als Inbegriff des Zarenreiches 1931 in die Luft gesprengt worden und ist dann mit den Spenden der Gläubigen ab 1995 in Stahlbeton, aber nach altem Vorbild, wieder erstanden. Dennoch ist erstaunlich, dass auch ein autoritäres Regime die Ausübung der Religion nicht unterdrücken konnte.  Neben den Touristen sind es vor allem die aktiven Gläubigen, die die Atmosphäre im Innern prägen.

Der Bus fährt uns durch klassische Wohnquartiere, über Magistrale zu Plätzen mit schier überquellender Geschäftigkeit. Immer wieder stoßen wir auf die Einschüchterungsarchitektur der Stalin-Ära, wie zum Beispiel der Lomonossow-Universität. Am liebsten würden wir diesen Turm im Sturmschritt erobern, wir scheitern aber bereits am Sicherheitspersonal an einem Nebeneingang. Wir tauchen schließlich in das Viertel um das Außenministerium ein, mischen uns in das quirlige Leben und erwerben kurz vor unserer Abreise zum Flughafen noch ein paar Mitbringsel.

Ein wenig Abschiedsschmerz mischt sich in diesen grauen Tag, denn in der Kürze der Zeit gab es vielerlei Begegnungen mit dem jungen, aufgeschlossenen Russland und dem unbändigen Wunsch nach Freiheit und Lebensfreude. In der California Bar erhasche ich den Blick der Kellnerin, der die Stimmung festzuhalten scheint und mich an den Song von The Clash erinnern lässt.

Noch einmal quälen wir uns stadtauswärts auf ewig verstopften Straßen zum Flughafen, wo ein Völkergemisch aus Asien und Europa aufeinander trifft, sich sortiert und an seine Destinationen weiterstrebt. Könnten wir doch wie Yuri Gagarin uns jetzt mit der Raumschiff Wostok 1 nach Hause katapultieren lassen…

Auch unsere Gruppe hat sich ausgedünnt, haben den Zug nach St. Petersburg bestiegen oder sind mit anderen Flügen in andere Richtungen entschwunden. Doch keiner geht verloren heute. In unserer WhatsApp Gruppe erreichen uns bei der Ankunft in Düsseldorf und am darauffolgenden Tag Urlaubs- und Rückkehrgrüße aus der ganzen Welt.

Vermutlich ist diese Verbundenheit und der fortgesetzte Austausch im Anschluss an die Legal Tech Touren der größte Gewinn dieser Reise. Es vervielfältigt die gewonnenen Erkenntnisse ungeheuer.

Ein großer Dank gehört den Organisatoren von Soldan und WoltersKluwer, die eine wunderbare Woche zusammengestellt haben, die uns in der Kürze der Zeit ein großartiges Bild vermittelt hat und viele Impulse für die weitere Arbeit am Thema Legal Tech geben wird.

 

 

 

 

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