Anwälte und Automatisierung Ein Gastbeitrag von Markus Hartung

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Der RWS Verlag ist einer der Medienpartner der Legal Transformation Days 2019. Im Zuge der Medienpartnerschaft wurde uns der folgende Text von Markus Hartung – einer der Referenten der #ltd19 – von der Handelsblatt Fachmedien GmbH freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Um es gleich zu sagen: Eine Liebesbeziehung ist das nicht zwischen den Anwälten und der Automatisierung. Automatisierung ist jetzt hier mal ein anderer Begriff als dauernd Legal Tech, das kann man ja kaum noch hören. Beide Begriffe stehen gleichsam für eine Standardisierung juristischer Arbeitsschritte mittels Technologie. Aber egal, wie man es nun nennt: Ein erschreckend großer Teil der (deutschen) Anwaltschaft ist der Meinung, die Digitalisierung sei nicht gut für die Profession, sondern nur gut für die nichtanwaltliche Konkurrenz. Trotz eines gewissen Hypes gibt es immer noch unglaublich viel Skepsis, Zurückhaltung, bis zur offenen Ablehnung. Die Devise scheint zu lauten: „Lieber so weitermachen wie bisher“.

Das ist alles nicht mehr zu verstehen. Tatsächlich liegt in der Automatisierung die Zukunft nicht nur der Anwaltschaft, sondern der Rechtsberatung, und nur wenn sich die Anwaltschaft dies zu Herzen nimmt, hat sie überhaupt noch eine Zukunft als ernstzunehmende beratende Profession. Das klingt scheinbar widersprüchlich? Ja, aber nur scheinbar:

Die juristische Profession befindet sich in einer ernsten Krise, weil sie vergessen hat, was ihre Aufgabe im Rechtsstaat und was ihr wirklicher Wert für Rechtsuchende ist. Klingt vielleicht pathetisch, aber so steht es nun mal im Gesetz.

Doch was ist denn der Befund, seit Jahren? 70% der Bevölkerung geht eher nicht zum Anwalt, aus Angst vor den Kosten. Unter jungen Menschen sind es fast 80%. Das traditionelle (staatliche) Rechtspflegesystem ist für Verbraucherangelegenheiten offenbar nicht mehr geeignet. Rechtsdienstleister haben Konjunktur, die sehr genau verstanden haben, was Verbraucher wollen, und sie bieten so passgenaue Angebote an, dass Verbraucher sogar bereit sind, dafür zu zahlen – allerdings nur im Erfolgsfall. Da können nicht einmal die reinen Gratis-Angebote staatlicher Schlichtungsstellen mithalten.

Warum können diese Rechtsdienstleister etwas, was Anwälte nicht können? Weil sie die Bedeutung von Abläufen und Prozessen auch und gerade in der Rechtsberatung erkannt haben und standardisieren, was standardisiert werden kann. Rechtsdienstleister denken immer an den Regelfall, Anwälte immer an die Ausnahmen. Weil Rechtsdienstleister aber so denken, können sie automatisieren und Verbraucherservice zu sehr attraktiven Konditionen anbieten.

Und Anwälte? Können das nicht. Sollten sie auch gar nicht. Sie sollten sich auf das besinnen, was sie wirklich gut können: Menschen mit den Problemen, die sich nicht automatisieren lassen, beim Zugang zum Recht helfen. Nur das ist ihre Aufgabe! Und darin liegt ihr Wert. Stattdessen machen die Anwaltskammern den Rechtsdienstleistern das Leben schwer und weigern sich, über eine Modernisierung des Rechtsdienstleistungsmarktes auch nur nachzudenken. Da wird ein Beratungsmonopol hochgehalten, das längst unzeitgemäß geworden ist – und gleichzeitig wird der Anwaltschaft durch ein antikes Berufsrecht verboten, selber unternehmerisch tätig zu werden.

Das Beratungsmonopol führt zur Verarmung der Anwaltschaft und reduziert den Bedarf an anwaltlichen Dienstleistungen. Auch das klingt widersprüchlich, ist es aber nicht. In dem Moment, wo das wegfällt, wird der Bedarf sprunghaft ansteigen.

Daher steckt in der Automatisierung die Zukunft der Rechtsberatung: Sie schafft günstigen Zugang zum Recht in einer Vielzahl von Fällen – eben da, wo Ware von der Stange völlig ausreicht. Wenn etwas maßgeschneidert werden soll, dann sind die Anwälte dran. Da gibt es mehr zu tun, als man schaffen kann. Anwaltliche Leistungen und Automations- bzw. Legal Tech-Angebote sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Ihren rechtsstaatlichen Auftrag, Rechtssuchenden zu ihrem Recht zu verhelfen, können jedoch nur beide gemeinsam wirksam erfüllen.

Aber wir leben ja im heute… Wenn es schon heute keine Liebesbeziehung ist: Kann es noch eine werden? Romantiker und Hollywood-Liebhaber, die wir nun mal alle sind, glauben an Happy Ends, gerade wenn zwei, die füreinander bestimmt sind, sich am Anfang fetzen wie verrückt, denken Sie nur an Katharine Hepburn und Spencer Tracy. Aber wir wissen auch: Manchmal reicht es nur zum Odd Couple, oder schlimmer, Laurel & Hardy. Auch lustig, aber nicht nachhaltig. Die Anwaltschaft hat es in der Hand, ob sie und die Digitalisierung zum Traumpaar werden. Es wäre ihr zu wünschen.

Über den Autor:

Markus Hartung ist Rechtsanwalt, Mediator und Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession (CLP) an der Bucerius Law School. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich von Marktentwicklung, Trends, Management, strategischer Führung und Corporate Governance sowie der Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen im Zusammenhang mit der Digitalisierung des Rechtsmarktes, wozu er als Mitherausgeber zahlreicher Standardwerke fungiert. Seit 2011 ist er Vorsitzender des Berufsrechtausschusses des Deutschen Anwaltvereins.

Auf Legal-Tech-Tour in Moskau Russische Erkundungen - Ein Reisetagebuch

Bereits zum vierten Mal bieten der Anwaltsdienstleister Soldan und Wolters Kluwer eine Reise in die Zukunft der juristischen Berufe an. Die Teilnehmer lernen die neuesten Entwicklungen im Bereich von Legal Tech kennen und erhalten einen Eindruck von den Möglichkeiten, die auf uns zukommen werden. Eine Reise führte nach Stanford und ins Silicon Valley, die anderen nach nach Zürich zu IBM Watson und in die Berliner Legal-Tech-Szene.

Dieses Jahr ist Moskau an der Reihe, denn in den dortigen Technologiezentren wird kräftig an der juristischen Zukunft geforscht – oftmals etwas unbeachtet von unserer westlich geprägten Wahrnehmung. Wie die letzten Male ist auch bei dieser mehrtägigen Reise wieder Rechtsanwalt Markus J. Sauerwald dabei, der bei RWS die Verlagsleitung innehat.

Auf dem Programm steht u.a. ein Besuch im „Skolkovo Innovation Center“, dem Silicon Valley Russlands. Zahlreiche interessante Start-Ups sind hier zu finden, darunter auch Unternehmen der sich dynamisch entwickelnden russischen Legal Tech Szene. Spannend wird ebenfalls der Besuch der Konferenz „Moskau Legal Tech“, bei der Start-Ups, Verlage und Software-Unternehmen ihre Ideen zur Digitalisierung des Rechtsberatungsmarktes präsentieren werden. → weiterlesen

Das Seminargeschäft des RWS Verlags Fachseminare als wichtiges Standbein des Verlagsprogramms

Teil 2  der Beitragsreihe „Was macht eigentlich ein (Fach)Verlag?“

In der Beitragsreihe „Was macht eigentlich ein (Fach)Verlag?“ geht es nun um das Seminargeschäft des RWS Verlags. Denn wie bei den meisten Fachverlagen gehört auch bei RWS die Planung und Durchführung von Seminaren zum Geschäftsmodell. Bei RWS sogar noch etwas mehr als bei anderen, da dieser Verlag ursprünglich aus dem Seminargeschäft entstanden ist. Verlagsgründer RA Dr. Bruno M. Kübler hatte in den Siebzigerjahren begonnen, Fortbildungsveranstaltungen für Rechtsanwälte anzubieten. Die als Begleitmaterial ausgegebenen Skripte erfreuten sich einer so großen Beliebtheit, dass daraus 1977 der RWS Verlag entstand – und die RWS-Skriptenreihe mittlerweile fast bei Band 400 angekommen ist. Aus diesem Grund sind die RWS-Seminare bis heute nicht nur ein Zusatzangebot zur Vermittlung von Fachinformationen, sondern gehören zum Kerngeschäft des Verlags. → weiterlesen

Programmplanung bei RWS Wie Fachliteratur entsteht und in welchen Formen sie heute angeboten wird

Teil 1  der Beitragsreihe „Was macht eigentlich ein (Fach)Verlag?“

Seit 1977 bietet der RWS Verlag juristische Fachinformationen an und hat sich von Beginn an auf die Bereiche des Insolvenzrechts, des Gesellschaftsrechts, des Kapitalmarktrechts und des Bankrechts spezialisiert. Angefangen hat alles mit der Idee, Fachseminare für Anwälte zu konzipieren. Schnell entwickelte sich darüber hinaus eine Nachfrage nach den für die Seminare konzipierten Begleitheften und die daraus entstandene RWS-Skriptenreihe war der Startschuss für die Verlagsgründung. → weiterlesen

Was macht eigentlich ein (Fach)Verlag? Start einer Beitragsreihe im RWS Blog

Was macht ein Verlag?
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In den letzten Jahren sind Verlage zunehmend unter Druck geraten. Durch das VG-Wort-Urteil oder das geänderte Urheberrechtsgesetz wurden sie in der öffentlichen Wahrnehmung mehr und mehr in die Rolle der Verwerter gedrängt – was vielleicht auch mit der Unkenntnis über die Tätigkeiten zu tun hat, die zu den Aufgaben eines Verlags gehören.

Verlage sind eben nicht einfach nur „Verwerter“ von Inhalten. Sie sind Partner der Autoren. Wer einmal erlebt hat, wie ein Manuskript in einem Verlag eingegangen und was am Ende daraus geworden ist, wird verstehen, was damit gemeint ist. Natürlich liegt die geistige Urheberschaft alleinig beim Autor, aber um aus einem Text ein Buch entstehen zu lassen, dieses zu lektorieren und zu redigieren, es zu bewerben und zu verkaufen, den Autor bekannt zu machen, ihn aufzubauen – an diesem Prozess sind keine „Verwerter“ beteiligt, sondern engagierte Menschen in Verlagen. Und nur diese Zusammenarbeit macht einen Text zu einem Buch. Das wirtschaftliche Risiko trägt dabei alleinig der Verlag, denn „verlegen“ kommt von „vorlegen“. → weiterlesen

Digitaler Protektionismus Neue Global Player sind im Kommen

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Dies ist ein Gastbeitrag der internationalen Anwaltskanzlei Gowling WLG, der uns von Jasmin Drescher freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde. Es geht um die Rohstoffe von morgen: Um Daten, die inzwischen ähnlich resolut verteidigt werden wie „klassische“ natürliche Ressourcen. Eine Untersuchung von Gowling WLG zeigt, dass „traditionelle“ Handelsbarrieren ihren Weg in die digitale Welt gefunden haben. Auch Deutschland schützt seine digitalen Schätze. Führend ist jedoch China, gefolgt von Russland und Indien. Für Unternehmen wird es immer wichtiger, diese Herausforderungen in ihre strategischen Überlegungen einzubeziehen. → weiterlesen

Wenn Maschinen das Lesen übernehmen

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Lesen gehört neben Rechnen und Schreiben zu unseren wichtigen Kulturfertigkeiten. Lesen ist notwendiger Teil unserer Kommunikation. Wir reflektieren unser Wissen durch Lesen. Künstliche Intelligenz kann Menschen inzwischen das Lesen „abnehmen“, ja im Grunde mechanisieren. Was verändert die „Übertragung“ des Lesens an ein Programm? Welche Auswirkungen hat dies auf die Gesellschaft? Und welche Auswirkungen hat dies für alle, die den Lesestoff kreieren, verbreiten und aufnehmen: Autoren, Verlage, Buchhandlungen, Leser? Oder verkürzt gefragt: Wie wird es den Fachinformationsmarkt verändern? Diese Entwicklung kann – gerade für mittelständische Fachverlage – zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor werden. → weiterlesen

… und jetzt ein Buch …?! Die Rolle des Buches in digitalen Arbeitsabläufen

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Vor Kurzem sah ich mir eine hochmoderne Anwaltskanzlei an. Akten, Zeiterfassung, Finanzbuchhaltung und Korrespondenz waren in weitem Maße automatisiert und entsprachen der Vision eines papierlosen Büros.

Die Digitalisierung verändert unsere Arbeitsweisen dramatisch

Der Besuch war exemplarisch für Veränderungen, die sich in vielen Branchen vollziehen und mich für meine verlegerische Arbeit fragen lassen, welche Rolle die Fachinformationen in diesen papierlosen Prozessen noch haben oder noch haben werden. Ich überlege, ob ich fürchten muss, dass die meisten Routineaufgaben bald selbstständig von Programmen bewältigt werden. Was bedeutet dies für meine Programmarbeit? Welche Rolle wird die gedruckte Information, werden Fachzeitschriften, Kommentare oder Handbücher noch spielen? → weiterlesen

DSGVO, Melatenfriedhof und Kölsch RWS-Buchhändlertreff 2018

Es ist inzwischen eine Tradition: Zum elften Mal fand im Juni 2018 der RWS-Buchhändlertreff statt. Etwa zwanzig Buchhändlerinnen und Buchhändler wurden in den Verlag eingeladen, es gab einen Fachvortrag zu einem aktuellen Thema, eine Stadtführung, die jedes Jahr andere Aspekte Kölns vorstellt, und einen Abend bei Kölsch und Essen in einem Kölner Brauhaus.

So schnell ausgebucht wie dieses Jahr war der Buchhändlertreff allerdings noch nie. Dies hatte wohl mit dem Thema des Fachvortrags zu tun, der den Titel trug „Datenschutz im Buchhandel – Was Sie im Hinblick auf die neue Datenschutzgrundverordnung jetzt beachten müssen“. Als Referent konnte Dr. Adil-Dominik Al-Jubouri gewonnen werden, der sich als Anwalt in der Rechtsabteilung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels seit Jahren mit dem Thema Datenschutz befasst und selbst als Datenschutzbeauftragter tätig ist. Auf seine Informationen aus erster Hand waren alle Teilnehmer gespannt – und sie wurden nicht enttäuscht. → weiterlesen

Datenschutz nicht nur in der Insolvenzverwalterkanzlei: Warum drehen eigentlich alle durch? Ein Beitrag von Christian Weiß

DSGVO: Datenschutz in der Insolvenzverwalterkanzlei
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Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) findet seit dem 25. Mai 2018 vollumfänglich Anwendung. Der Autor dieses Beitrags befasst sich u. a. als Referent von – wie man sich vorstellen kann – zur Zeit gut besuchten Seminaren auf der einen Seite „theoretisch“, aber mit Kanzlei-Kollegen auch praktisch seit geraumer Zeit mit dem Thema Datenschutz – insbesondere in der Schnittmenge zur Insolvenzverwaltung. Seiner Auffassung nach zeigt sich im Besonderen: Ein höherer Sanktionsrahmen von bis zu 20 Millionen Euro bzw. 4 % des Vorjahresumsatzes scheint dazu zu führen, dass das Thema Datenschutz neuerdings landläufig ernst genommen wird. Und zwar in einer Ausprägung, dass man sich fragen muss, ob es bis dato kein Bundesdatenschutzgesetz gegeben hat? Es verwundert zudem, dass der 25. Mai 2018 scheinbar „aus heiterem Himmel“ über Deutschland insgesamt und die hiesigen Insolvenzverwalter im Besonderen hereingebrochen zu sein scheint. Dabei ist die DSGVO bereits im April 2016 in Kraft getreten!

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