Wenn Maschinen das Lesen übernehmen

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Lesen gehört neben Rechnen und Schreiben zu unseren wichtigen Kulturfertigkeiten. Lesen ist notwendiger Teil unserer Kommunikation. Wir reflektieren unser Wissen durch Lesen. Künstliche Intelligenz kann Menschen inzwischen das Lesen „abnehmen“, ja im Grunde mechanisieren. Was verändert die „Übertragung“ des Lesens an ein Programm? Welche Auswirkungen hat dies auf die Gesellschaft? Und welche Auswirkungen hat dies für alle, die den Lesestoff kreieren, verbreiten und aufnehmen: Autoren, Verlage, Buchhandlungen, Leser? Oder verkürzt gefragt: Wie wird es den Fachinformationsmarkt verändern? Diese Entwicklung kann – gerade für mittelständische Fachverlage – zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor werden.

Verliert Lesen an Bedeutung?

Auch in der heutigen Zeit wird viel gelesen. Die Lesequellen sind vielfältig. Für einen großen Teil des Publikums hat in den letzten zehn Jahren die Lektüre auf elektronischen Handgeräten die Aufnahme von Information dramatisch verändert. In vielen Fällen haben diese elektronischen Geräte auch das bisherige analoge Lesemedium (Buch, Zeitung) ersetzt. Schnelllesen wird unterstützt durch die Möglichkeit, mit einer Fingerbewegung den Text in Bewegung zu bringen und am Auge vorbeiziehen zu lassen – viel schneller als selbst beim dynamischen Lesen oder „Schnelllesen“ früherer Zeiten. Das „kontemplative Lesen“, gewissermaßen das Versinken in den Text, das Innehalten und Reflektieren des Inhalts gerät darüber in Gefahr, zu kurz zu kommen. Ungeachtet des Mediums bleibt das Lesen dabei eine persönliche Angelegenheit.

Doch drängen zunehmend Programme zur Marktreife, die versprechen, Texte mittels hoher Rechenleistung und Programmierung zu „verstehen“. Führend ist hier das Programm IBM Watson, das Texte strukturiert und begreift und in der Lage ist, auf in natürlicher Sprache gestellte Fragen ausformulierte Antworten aus diesen Texten zu geben. Herkömmliche Suchmaschinen dagegen vermitteln lediglich relevant erscheinende Internetseiten, auf denen User die passenden Antworten auf Suchkombinationen erwarten. Hier muss der Mensch noch entscheiden, ob die ihm angezeigten Ergebnisse relevant sind oder die Suche verfeinert werden muss. Bei meinen Besuch bei IBM erlebte ich kürzlich, wie dem Programm Watson eine große
Menge juristischer Texte zu den Themen Familien-, Erbschafts-, Miet- und Kaufrecht zur Analyse gegeben wurde. Anschließend konnte unsere juristisch ausgebildete Gruppe Fragen stellen und die Antworten bewerten. Wir waren von der Richtigkeit der Ergebnisse sehr erstaunt.

Quantencomputer wie dieser ermöglichen IBM Watson erst.

Verlieren wir wichtige Kulturfertigkeiten?

Die Frage, die ich mir anschließend stellte, war die, ob ich angesichts dieser Programmier-Ergebnisse die Beantwortung von Alltags- oder Fachfragen in naher Zukunft einem Programm überlasse, weil ich darauf vertrauen darf, dass diese
verlässlich beschieden werden. Durch die Unterschrift unter meinem Brief oder das Absenden einer E-Mail erkenne ich das Ergebnis dieser programmierten Antwort als richtig an oder korrigiere die Antwort gegebenenfalls, wenn sie mir nicht zutreffend erscheint.

Geben wir die Verantwortung für alles, was für unser tägliches Leben notwendig war (Wetter-, Fahrplanauskünfte, etc.) an diese Technologien ab und ersetzen wir sogar Grundfertigkeiten wie Lesen und Verstehen? Erkennen Sprachassistenten unsere Wünsche und machen uns Kommunikationsvorschläge, wenn sie sie nicht sogar automatisch erfüllen?

Man mag einwenden, dass die genannten Beispiele einfache Fälle betreffen und eine solche Technologie des Verstehens und Antwortens nach wie vor scheitere, solange es um Gestalten, um Kreieren oder um Verhandlungsgeschick geht. Die Schönheit eines Gedichts, die Eleganz eines Romanciers lassen sich nicht durch die
objektive Erklärung ersetzen, sondern können nur durch Lektüre erfahrbar werden.

Doch wer sagt, dass die Technik die Grenzen, an die das mechanisierte Lesen durch künstliche Intelligenz jetzt noch stößt, nicht künftig überwindet und dem betrachtenden Menschen Vorschläge unterbreitet, die ihn überzeugen? Könnten wir dadurch mangels Übung einen Teil unserer Kulturfertigkeiten, nämlich die des Lesens, nach und nach verlieren, so wie viele Menschen die Fähigkeit, Landkarten oder Noten zu lesen, nicht mehr erlernen? Ich bin sicher: In vielen Alltagsbereichen wird das delegierte Lesen zum Alltag werden. Google Mail macht neuerdings auch seinen deutschen Kunden Beantwortungsvorschläge für eingegangene E-Mails, sprachbasierte Systeme berücksichtigen bereits den Ort, den Zeitpunkt und die fragende Person, um richtige Auskünfte zu geben.

Der Angriff auf das Ökosystem der Verlage

Stellt programmiertes Verstehen von Texten und Beantworten von Fragen in natürlicher Sprache nicht auch einen Frontalangriff auf die Arbeit im Ökosystem der Verlage dar, also auf Autoren, Leser, Verlage, Buch- und Pressehandel? Wir erleben, dass Telefonbücher, Kursbücher für Verkehrsmittel und ein großer Teil der
Ratgeberliteratur überflüssig geworden sind, weil viele Information wie von selbst ständig aktuell und leicht zugänglich, oft barrierefrei und zumeist ohne weitere Kosten vorliegen. Für viele Bereiche der einfacheren Information sind damit den Autoren bereits heute die Gegenstände abhandengekommen. Reduziert sich damit das Schreibprogramm auf Stoffe, die sich mit Programmen (noch) nicht erschließen lassen oder so komplizierte Themen betreffen, dass es des menschlichen Geistes bedarf, die vielen Fäden zu einem neuen Ganzen zu ordnen oder überraschenden, neuen Lösungen zuzuführen?

Gehen den Verlagen Autoren, Themen und Leser aus?

Ich glaube, die große Herausforderung für Verlage wird darin bestehen, Felder zu finden, die sich einem programmierten Verstehen entziehen. Ich bin sicher, dass die Vielfalt des Lebens genügend Material zur Verfügung stellen wird, dass Menschen diese Stoffe bearbeiten, alsdann lesegerecht aufbereiten und diese Texte dann mit einer klugen Vermarktung in geeigneter Form an das Publikum bringen. Diese Angebote müssen so überzeugend sein, dass die Freude, sich in diese Lektüre zu vertiefen, erhalten bleibt. So überzeugend, dass sie Momente schaffen, die den Fachleser zu neuen Lösungsmöglichkeiten anregen, dem Genussleser berührende Erfahrungen bieten und den Connaisseur den Wohlklang der Sprache erfahren lassen. Nur so kann man der automatisierten Lesestoffproduktion der Unternehmen, deren elektronischen Geräte wir nutzen, etwas Wertschöpfendes entgegenstellen. Zweifellos hat das Silicon Valley bereits viele Bereiche, die vor einigen Jahren noch in der Hand der Verlage waren, an sich gezogen. Bei diesen wird es sicher nicht bleiben. Doch ich bin überzeugt, dass Verlage auch auf Sicht immer noch gültige Angebote in einer menschengerechten Form machen können, die uns nicht zum Spielball der immer weiter vordringenden Algorithmen machen, sondern uns die digitale Transformation gestalten lassen.

Vor dem Google-Hauptquartier im Silicon Valley

… und jetzt ein Buch …?! Die Rolle des Buches in digitalen Arbeitsabläufen

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Vor Kurzem sah ich mir eine hochmoderne Anwaltskanzlei an. Akten, Zeiterfassung, Finanzbuchhaltung und Korrespondenz waren in weitem Maße automatisiert und entsprachen der Vision eines papierlosen Büros.

Die Digitalisierung verändert unsere Arbeitsweisen dramatisch

Der Besuch war exemplarisch für Veränderungen, die sich in vielen Branchen vollziehen und mich für meine verlegerische Arbeit fragen lassen, welche Rolle die Fachinformationen in diesen papierlosen Prozessen noch haben oder noch haben werden. Ich überlege, ob ich fürchten muss, dass die meisten Routineaufgaben bald selbstständig von Programmen bewältigt werden. Was bedeutet dies für meine Programmarbeit? Welche Rolle wird die gedruckte Information, werden Fachzeitschriften, Kommentare oder Handbücher noch spielen? → weiterlesen

DSGVO, Melatenfriedhof und Kölsch RWS-Buchhändlertreff 2018

Es ist inzwischen eine Tradition: Zum elften Mal fand im Juni 2018 der RWS-Buchhändlertreff statt. Etwa zwanzig Buchhändlerinnen und Buchhändler wurden in den Verlag eingeladen, es gab einen Fachvortrag zu einem aktuellen Thema, eine Stadtführung, die jedes Jahr andere Aspekte Kölns vorstellt, und einen Abend bei Kölsch und Essen in einem Kölner Brauhaus.

So schnell ausgebucht wie dieses Jahr war der Buchhändlertreff allerdings noch nie. Dies hatte wohl mit dem Thema des Fachvortrags zu tun, der den Titel trug „Datenschutz im Buchhandel – Was Sie im Hinblick auf die neue Datenschutzgrundverordnung jetzt beachten müssen“. Als Referent konnte Dr. Adil-Dominik Al-Jubouri gewonnen werden, der sich als Anwalt in der Rechtsabteilung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels seit Jahren mit dem Thema Datenschutz befasst und selbst als Datenschutzbeauftragter tätig ist. Auf seine Informationen aus erster Hand waren alle Teilnehmer gespannt – und sie wurden nicht enttäuscht. → weiterlesen

Datenschutz nicht nur in der Insolvenzverwalterkanzlei: Warum drehen eigentlich alle durch? Ein Beitrag von Christian Weiß

DSGVO: Datenschutz in der Insolvenzverwalterkanzlei
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Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) findet seit dem 25. Mai 2018 vollumfänglich Anwendung. Der Autor dieses Beitrags befasst sich u. a. als Referent von – wie man sich vorstellen kann – zur Zeit gut besuchten Seminaren auf der einen Seite „theoretisch“, aber mit Kanzlei-Kollegen auch praktisch seit geraumer Zeit mit dem Thema Datenschutz – insbesondere in der Schnittmenge zur Insolvenzverwaltung. Seiner Auffassung nach zeigt sich im Besonderen: Ein höherer Sanktionsrahmen von bis zu 20 Millionen Euro bzw. 4 % des Vorjahresumsatzes scheint dazu zu führen, dass das Thema Datenschutz neuerdings landläufig ernst genommen wird. Und zwar in einer Ausprägung, dass man sich fragen muss, ob es bis dato kein Bundesdatenschutzgesetz gegeben hat? Es verwundert zudem, dass der 25. Mai 2018 scheinbar „aus heiterem Himmel“ über Deutschland insgesamt und die hiesigen Insolvenzverwalter im Besonderen hereingebrochen zu sein scheint. Dabei ist die DSGVO bereits im April 2016 in Kraft getreten!

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RWS Verlag und NIVD kooperieren Gemeinsames Leitmotiv: Sanierung statt Zerschlagung

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Der RWS Verlag konnte die NIVD – Neue Insolvenzverwaltervereinigung Deutschlands e.V. als Kooperationspartner für den Lehrgang Zertifizierter Restrukturierungs- und Sanierungsexperte gewinnen. „Es passt für beide Seiten perfekt: Das Leitmotiv der NIVD lautet Sanierung statt Zerschlagung. Diese Haltung teilen wir und bieten mit unserem Fortbildungsangebot das fachliche Rüstzeug an“, so Rechtsanwalt Markus J. Sauerwald, Verleger des RWS Verlags.→ weiterlesen

Dr. Watson – Assistent oder Meister?! Wie künstliche Intelligenz juristische Arbeiten erledigen wird.

Die Digitalisierung entfaltet eine solche Dynamik, dass sie schon jetzt viele Routinejobs in vielen Branchen bedroht. Doch die überwiegende Zahl der Juristen hat den neuen Kollegen »Künstliche Intelligenz« bislang noch nicht besonders ernst genommen. Grund genug, ihn einmal zu besuchen und zu erfahren, wie es um seine Ausbildung steht und wie gut er im juristischen Arbeitsalltag zurechtkommt.

Mit einer Gruppe von Juristen, bunt gemischt aus Anwälten, juristischen Verlegern, Softwareanbietern und Berufsverbandsvertretern besuchten wir, glänzend organisiert von Soldan, unter dem Motto »Legal meets Watson« den neuen allwissenden Kollegen am Zürichsee im »IBM Research Lab« in Rüschlikon.

Manche halten »Watson« für eine Marketingidee des Computerriesen IBM. Das wollten wir nun überprüfen, denn näher als bei unserem Besuch konnten wir ihm kaum kommen.→ weiterlesen

Perfektes Timing Die ZIP-Jahrestagung zum Gesellschaftsrecht 2018

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Unsere ZIP-Jahrestagung zum Gesellschaftsrecht – benannt nach der ZIP – Zeitschrift für Wirtschaftsrecht – findet traditionell immer im Frühjahr statt, diesmal am 9. März 2018. Damit fiel sie dieses Jahr mitten hinein in die verzögerte Regierungsbildung nach der letzten Bundestagswahl. So war es ein perfekter Zeitpunkt, sich über die kommende Rechtsentwicklung auf hohem fachlichen Niveau auszutauschen – aktueller geht es kaum. Und exakt an diesem Tag wurde das Kabinett der neuen Regierung vorgestellt.

Als Veranstalter wäre es nun natürlich nicht objektiv, die Tagung alleine aufgrund der aktuellen Terminierung – die zudem bei der Planung gar nicht abzusehen war – als gelungen zu bezeichnen. Daher sollen zwei Teilnehmer zu Wort kommen, die ihre persönliche Einschätzung auf unserem Feeback-Bogen hinterlassen haben. Zwei Meinungen, die uns sehr freuen:→ weiterlesen

Verlegen in Zeiten täglicher Medienrevolution Gedanken über Chancen und Herausforderungen

Verlegen im digitalen Zeitalter ist grenzenlos. Die angebotene Literatur kann überall dort, wo das Internet ohne Einschränkungen genutzt werden kann, in allen denkbaren Formen zugänglich gemacht werden. Als gedrucktes Buch, das in einer Buchhandlung gekauft oder online bestellt wurde, als elektronisches Werk in der Bibliothek des E-Readers, als strukturierte Datei in einer professionellen Datenbank und neuerdings auch über die Sprachausgabe aus »intelligenten« Lautsprechern.

Für einen Verleger ist die Vielzahl der Verbreitungswege zugleich herausfordernd und chancenreich.→ weiterlesen

Wie spielt die Musik? Von Schallplatten und E-Books

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Es ist eine beeindruckende Graphik: Im Jahr 1976 wurden weltweit etwa 400 Millionen Schallplatten verkauft. Nur 16 Jahre später, im Jahr 1992 ist die Zahl kaum noch messbar. Die Tonträger aus Vinyl verschwanden innerhalb weniger Jahre von ihrer alles dominierenden Stellung nahezu in die Bedeutungslosigkeit.

Damals war auch ich wie so viele Millionen andere Teil dieses immensen Medienwandels. Als Schüler jobbte ich mir Geld zusammen und kaufte 1985 einen CD-Spieler. Dann ging es schnell und obwohl ich meine Schallplatten liebte, wurden sie zunehmend weniger benutzt; die CD-Sammlung nahm dagegen stetig zu. Für die Musikindustrie müssen das paradiesische Zeiten gewesen sein, CDs waren leicht herzustellen, einfacher zu lagern als Schallplatten und viele Fans kauften sich ihre Lieblingsplatten noch einmal auf CD neu. Das war der erste Schritt in Richtung Digitalisierung.

Es folgte der zweite Schritt, der über iTunes zum Streaming führte. Ein Schritt, den die Musikindustrie lange verschlief und die Folgen dauern nach wie vor an. Die Umsätze mit Tonträgern brechen immer weiter ein, die Hörgewohnheiten einer ganzen Generation haben sich massiv verändert, große Player wie Spotify oder Amazon beherrschen den Markt mit ihren geschlossenen Systemen.

Gerne wird diese Entwicklung auf die Buchbranche übertragen. Kann man das wirklich so einfach machen? Ich glaube nicht.→ weiterlesen

Herausforderung Digitalisierung: Unternehmen müssen in neuen Arbeitswelten agieren Eine Studie von Osborne Clarke

Bild: Photographierer.de

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt radikal und viele kommende Entwicklungen können wir uns heute noch gar nicht vorstellen. Umso wichtiger ist es, sich ständig mit diesem Thema zu befassen, denn ein Verharren in Gewohntem wird es nicht mehr geben.

Die Wirtschaftskanzlei Osborne Clarke hat in Zusammenarbeit mit VB Research eine Studienreihe mit dem Titel »The Future of Work« gestartet. Der folgende Text ist ein erstes Ergebnis und wurde uns freundlicherweise für den RWS Blog zur Verfügung gestellt. Er gibt in erster Linie die Sichtweisen von Unternehmen wieder und beschreibt die Vereinbarkeit von Arbeitszeitmodellen der Zukunft mit den Bedürfnissen der nächsten Generationen von Arbeitnehmern.→ weiterlesen

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